Der Reiz
der Gitarren aus dem 19. Jahrhundert (Parlour-Gitarren)

– Klänge von vor 170 Jahren –

 

Gitarren des 19. Jahrhunderts waren nach heutigen Maßstäben überraschend klein.
Damals gab es in den „Parlors“ (Salons) eine Kultur, in der sich Familie und Freunde versammelten, um gemeinsam Musik zu genießen – und genau dort wurde die „Parlor-Gitarre“ gespielt. Der sanfte Klang, der aus dem
kleinen Korpus erklang, symbolisierte die Wärme des häuslichen Lebens.

Die hier vorgestellten Gitarren sind Werke berühmter Meister aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, darunter Martin aus den 1850er Jahren sowie Stewart & Bauer und Washburn. Überall spürt man die Handarbeit der Handwerker, die nach Klang und Schönheit strebten – etwa durch brasilianisches Palisanderholz und
Perlmuttverzierungen.

Die Parlor-Gitarre, die Pracht und Feinheit in sich vereint, ist nicht nur ein Musikinstrument, sondern auch ein Kunstwerk, das die Lebenskultur und den Schönheitssinn jener Zeit widerspiegelt. Ihr Klang überdauert mehr als 150 Jahre und berührt die Herzen der Menschen bis heute.

Große Akustikgitarren, wie sie durch Modelle wie die D-28 und die J-45 repräsentiert werden, sind heute aus der Musikszene nicht mehr wegzudenken.
Von Country über Blues bis hin zum Rock – ihre volle Lautstärke und ihr kraftvoller Klang haben schon in vielen Situationen den Sound geprägt. Dass sich

diese „großen Akustikgitarren“ etablierten, geschah erst ab dem 20. Jahrhundert.
Die „Jumbo“, die Gibson 1934 auf den Markt brachte, sowie die D-28 (12-Bund-Ausführung), die Martin 1931 herausbrachte, waren dabei symbolträchtige Vorreiter.
Geht man noch weiter zurück, war die Dreadnought, die Martin 1916 im Auftrag der Firma Dittson baute, der Vorläufer dieser Entwicklung hin zu größeren Instrumenten.

Ich vermute, dass
dahinter der Umstand stand, dass in der damaligen Country-Musik eine Gitarre gefragt war, deren Lautstärke den Instrumenten wie Banjo, Mandoline, Geige und Kontrabass in nichts nachstand.

Wie sah es denn mit den Gitarren davor aus?
Im 19. Jahrhundert waren nach heutigen Maßstäben überraschend kleine Größen die Regel.
Selbst die „0 (Single-O)“-Größe, die Martin angeblich 1854 auf den Markt brachte, gilt heute zwar als „kleine Gitarre“, galt damals aber als eine der größten Gitarren überhaupt – in den Preislisten der 1870er Jahre wurde sie sogar als „Largest Concert Size“ bezeichnet.

Auch in der Welt der klassischen Gitarre ist ein Trend zu größeren Instrumenten zu beobachten.
Der berühmte spanische Gitarrenbauer Antonio de Torres aus dem 19. Jahrhundert strebte nach einer Lautstärke, die den Anforderungen von Konzerten in großen Sälen gerecht wurde. Er versuchte, die F-Verstrebung zu verbessern und den Korpus zu vergrößern, und legte damit den Grundstein für die moderne klassische Gitarre.

So durchlief die Gitarre vom 19. bis ins 20. Jahrhundert eine große Veränderung von klein zu groß.
Diesmal richten wir unser Augenmerk auf die „Parlour-Gitarre“ – eine kleine Gitarre, die damals in den Haushalten geliebt wurde und bewusst den entgegengesetzten Weg zu dieser „Vergrößerung“ einschlug.

Was ist eigentlich ein „Parlour“?

Der Begriff „Parlour“ (in den USA „parlor“) soll ursprünglich im mittelalterlichen Europa entstanden sein und bezeichnete einen „Raum im Kloster, in dem Gespräche erlaubt waren“. Da
Mönche in den Kreuzgängen normalerweise Schweigen bewahren mussten, wurde ein spezieller Raum, in dem sie sich mit Außenstehenden oder Mitbrüdern unterhalten konnten, als „Parlour“ bezeichnet.
Schließlich fand dieser Begriff Eingang ins bürgerliche Leben und
wurde im englischsprachigen Raum des 18. und 19. Jahrhunderts als Bezeichnung für einen Empfangs- oder Gästezimmer verwendet.
Daher war der „Parlour“ (Empfangs- oder Gästezimmer) als Raum für den Empfang von Gästen der am prächtigsten ausgestattete Raum, in dem Kunstwerke und Musikinstrumente ausgestellt wurden, und galt als Symbol für den Mittelstand.

Die „Parlor“-Kultur im 19. Jahrhundert

Im englischsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts diente der „Parler“ (Empfangsraum) nicht nur der Bewirtung von Gästen, sondern auch als Ort für gesellschaftliche Zusammenkünfte innerhalb der Familie und für das Musizieren (die sogenannte „Parler-Musik“). Er war mit
hochwertiger Einrichtung ausgestattet und fungierte als eine Art häusliche Bühne, auf der sich Familie und Freunde versammelten, um gemeinsam zu singen und Musik zu machen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der formelle Salon aufgrund veränderter Lebensgewohnheiten nach und nach nicht mehr genutzt, und in Grundrissen von Häusern sowie in Lifestyle-Magazinen setzte sich der Begriff „Wohnzimmer“ zunehmend durch.

Was ist eine Parlor-Gitarre?

Zumindest im Amerika der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff „Parlor“ umfunktioniert, und in damaligen Instrumentenkatalogen finden sich Beispiele dafür, dass Gitarren, die kleiner als die Konzertgröße waren, als „Parlor Size“ vorgestellt wurden. Auch

heute noch findet man in Referenzbüchern wie denen der Firma Martin Beschreibungen, in denen Gitarren, die kleiner als die Single-O-Größe (Konzertgröße) sind, als „Parlor-Gitarren“ bezeichnet werden.

Vermutlich entstand der Begriff „Parlor-Musik“ vor dem Hintergrund, dass sich im 19. Jahrhundert der Raum „Parlor“ (Salon) im häuslichen Umfeld etablierte und man dort Musik genießen konnte; daher wurden die Instrumente, die dort zum Einsatz kamen und kleiner als Konzertgitarren waren, als „Parlor-Size (Gitarre)“ bezeichnet.
Es handelt sich also um eine Bezeichnung, die vom Ort der Darbietung (dem Salon) abgeleitet ist und gleichzeitig eine Größenangabe beinhaltet.

Es ist zwar schwierig, den Begriff „Parlor-Gitarre“ streng zu definieren, aber wenn man die obigen Ausführungen berücksichtigt, kann man ihn am besten so verstehen, dass er sich auf eine Akustikgitarre mit 12-Bund-Gelenk bezieht, die kleiner ist als die Single-O- (Konzert-)Größe.

Nimmt man jedoch diese enge Definition zugrunde, trifft der Begriff „Parlor-Gitarre“, den wir im Alltag verwenden, in der Praxis kaum noch zu, da wir so gut wie nie mit Gitarren der Größe 1 oder kleiner in Berührung kommen.

Deshalb sind wir der Meinung, dass man in der Praxis jede Gitarre mit einem geschlitzten (oder massiven) Kopf, einem 12-Bund-Ansatz und einer eher kompakten Größe – oder im weiteren Sinne jede kompakte Gitarre – getrost als „Parlor-Gitarre“ bezeichnen kann.
(Wir möchten auch nicht ständig Sätze hören wie: „Diese Gitarre hat Single-O-Größe, also ist sie eigentlich keine Parlor-Gitarre.“)

Vor diesem Hintergrund werden wir in diesem Artikel die Definition der Größe nicht streng festlegen, sondern im weiteren Sinne „antike Gitarren mit parlergitarrenähnlichen Merkmalen“ behandeln.

Die „Parlor-Gitarre“ entstand als kleine Gitarre, die sich für das Spielen im Salon eignete.

Ich werde dir ihren Charme anhand von Fotos antiker Parlor-Gitarren vorstellen, die tatsächlich in unserem Geschäft eingetroffen sind.

 

[Werke berühmter Gitarrenbauer des 19. Jahrhunderts]

Martin Size 2 Brazilian Rosewood

Hier siehst du eine antike Size 2.
Mit ihren wunderschönen Rosetten- und Perling-Verzierungen ist sie ein seltenes Exemplar, über das es kaum noch Unterlagen gibt.

Die Size 2 wurde damals als „Ladies’ Size“ bezeichnet und entsprach genau der Größe einer Parlor-Gitarre.
Übrigens galt „0“ (Single-O) als „Large Concert Size“ und „Size 1“ als „Large Size“. Das

Herstellungsjahr lässt sich normalerweise anhand der auf dem Halsblock eingravierten Seriennummer bestimmen, doch bei dieser Gitarre fehlt eine solche Gravur.

Der Grund dafür ist, dass Martin-Gitarren erst ab 1898 anhand ihrer Seriennummern datiert werden können; daher wird angenommen, dass dieses Exemplar vor diesem Zeitpunkt hergestellt wurde.

„Vor dieser Zeit“ bedeutet also den Zeitraum zwischen dem Gründungsjahr 1833 und 1897, doch durch die Betrachtung der Details lässt sich eine grobe Datierung vornehmen.

Zunächst einmal ist da der Stempel auf der Innenseite des Korpusbodens.

Er ist zwar etwas verblasst, aber man kann den Stempel „C. F. MARTIN NEW-YORK“ erkennen.
Wenn du ein aktuelles Modell hast, ist es sicher interessant, die beiden mal zu vergleichen.
Der heutige Stempel sollte „C. F. MARTIN & CO. NAZARETH, PA.“ lauten.

Tatsächlich gibt es aber noch weitere Stempelvarianten,
die wichtige Anhaltspunkte für die Datierung liefern.

Besonders wichtig ist dabei, ob hinter „C. F. MARTIN“ ein „& CO.“ steht oder nicht.
Als 1867 C. F. Martins ältester Sohn, C. F. Martin Jr., und sein Neffe C. F. Hartman in die Geschäftsführung eintraten, wurde der Stempel in „C. F. MARTIN & CO. NEW-YORK“ geändert.

Anhand dieses Stempels lässt sich das Herstellungsjahr dieser Gitarre also auf den Zeitraum zwischen 1833 und 1867 eingrenzen.

 

Übrigens findet sich die Gravur „NEW-YORK“ nicht nur auf dem Mittelstreifen auf der Rückseite des Korpus, sondern auch am Halsblock und am Kopf.
Allerdings hatte die Familie Martin ihren Produktionsstandort in den 1840er Jahren nach Cherry Hill und in den 1860er Jahren nach Nazareth verlegt, wo sich der Firmensitz bis heute befindet.
Daher wurden viele Martin-Gitarren, die nach 1840 hergestellt wurden, tatsächlich außerhalb von New York gefertigt.Dass der „NEW-YORK“-Stempel
dennoch weiterverwendet wurde, liegt daran, dass Martin damals seinen Vertrieb weiterhin über New York abwickelte; daher wird angenommen, dass diese Gravur das gesamte 19. Jahrhundert über verwendet wurde.

 

Auf der leicht grünlich schimmernden Messingplatte sind Distelblüten und -blätter eingraviert, und die durch den Alterungsprozess weiß gewordenen Knochenknöpfe unterstreichen das antike Erscheinungsbild. Wenn du dir den oberen Teil der

Platte genau ansiehst, kannst du die Gravur „JEROME“ erkennen.

JEROME ist ein Stimmmechanismus, der in Frankreich hergestellt und bei Martin-Gitarren der 1840er- bis 1850er-Jahre verwendet wurde.

Anhand der Form der Zahnräder und des Vorhandenseins der „JEROME“-Gravur lässt sich vermuten, dass er Anfang der 1850er Jahre hergestellt wurde.

Durch dieses Teil lässt sich die Entstehungszeit ziemlich genau auf die 1850er Jahre eingrenzen.

 

Es ist wirklich beeindruckend, sich vorzustellen, dass dies die X-Verstrebung einer Martin aus den 1850er Jahren ist.

Bis in die 1840er Jahre wurden verschiedene Stile wie die Leiter- oder Fächerverstrebung ausprobiert, und es heißt, dass Martin zu Beginn der 1840er Jahre die X-Verstrebung entwickelt hat.

Bei diesem Exemplar sieht man, dass in der Mitte des unteren Korpusbereichs ein Tonbalken angebracht ist.
Das ist ein Muster, das tatsächlich ab den 1850er Jahren zu beobachten ist; diese Form wurde zum Standard und wurde auch ab den 1860er Jahren beibehalten.
Es ist sozusagen eine der ausgereiftesten Formen der X-Verstrebung.
Je nach Position des X-Kreuzungspunkts in Bezug auf das Schallloch spricht man von
„Forward Shift“ oder „Rear Shift“ – man sieht, dass der Kreuzungspunkt des X zu dieser Zeit noch recht weit entfernt ist.

Zusammenfassend lässt sich also anhand des Stempels, der Wirbel und des Verstrebungsmusters vermuten, dass diese Gitarre in den 1850er Jahren gefertigt wurde.

 

Eine Gitarre, die vor mehr als 150 Jahren entstanden ist, von New York nach Pennsylvania gelangte und von Martin in seiner damaligen Werkstatt in vielen Versuchen und Irrwegen gefertigt wurde – man spürt förmlich, wie sie sich anfühlt.

Als Nächstes möchte ich nun den Stil bestimmen.
Heutzutage sind Style-15, Style-18, Style-28, Style-35, Style-41, Style-42 und Style-45 die gängigsten Modelle, aber damals gab es allein in der 20er-Reihe neun Varianten – 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27 und 28 –, was auf sehr detaillierte Spezifikationen hindeutet.

Da sich diese je nach verwendetem Holz und Verzierungen unterscheiden, schauen wir uns das nun genauer an.

Für die Korpusseiten und den Boden wird brasilianisches Palisanderholz verwendet.

Da schon ab dem Style-17 Palisander verwendet wurde, lässt sich der Stil allein daran nicht eingrenzen.
Das Gleiche gilt für die Fichtendecke.
Trotzdem denkt man sich: „Das hat eine schöne Haptik.“

Griffbrett und Steg sind aus Ebenholz.

Genau wie die für den Korpus verwendeten Hölzer Fichte und Palisander wird auch Ebenholz bereits seit über 150 Jahren verwendet. Wenn man
Steifigkeit, akustische Eigenschaften und Designaspekte berücksichtigt, wird einem wieder einmal klar, dass es eben doch dieses Holz sein muss.

Als Nächstes kommt das Halsholz.

In dieser Zeit wurde manchmal auch spanische Zeder verwendet.
Dieses Material kommt – mit einigen Ausnahmen – bei Modellen ab dem Style-20 zum Einsatz.
Bei den darunterliegenden Modellen wurden Pappel oder Linde verwendet, und der Hals war schwarz lackiert.

Aus der Verwendung von spanischer Zeder lässt sich schließen, dass es sich um ein Modell ab dem Style-20 handelt – ein kleiner Schritt nach vorn.

Als Nächstes schauen wir uns die Verzierungen an.

Der Korpus ist auf der Ober- und Rückseite mit einer Holzperlung und einer Einfassung aus brasilianischem Palisander versehen.

Die Schalllochrosette zeichnet sich durch ein Halbdiamant-Design aus und ist ebenfalls aus Holz gefertigt.

Der Rückenstreifen hat ein Rautenmuster.

Bei den Modellen ab Style-20 wird hauptsächlich ein Zedernholz-Hals verwendet,
doch ab Style-24 besteht die Einlage aus farbigem Intarsienholz,
ebenso wie die Endstücke, deren Designs variieren.

Daher lässt sich vermuten, dass eine relativ schlichte Verzierung wie in diesem Fall den Modellen Style-20 bis 23 zuzuordnen ist.

Hier eine kurze Erklärung zu den einzelnen Modellen:

Der Style-20 hat mehr Einfassungen als der Style-18 und verfügt über farbiges Intarsien-Perlband.
Es werden Muster wie das Fischgrätenmuster verwendet, und er ist hauptsächlich in Größe 2 erhältlich.

Der Style-21 ist hauptsächlich in Größe 1 erhältlich.

Style-22 und Style-23 sind zwar in Martins Geschäftsbüchern verzeichnet,
doch diese Zahlen gaben damals – anders als heute – nicht streng definierte Spezifikationen (Stile) an, sondern galten lediglich als Symbole für den Verkaufspreis (22 Dollar bzw. 23 Dollar).Sowohl 20 als auch 21 sind zweifellos Symbole, die den damaligen Preis angeben.

Das ist zwar reine Spekulation, aber dieses Exemplar zeichnet sich dadurch aus, dass auch die Endstücke mit Intarsien verziert sind. Da diese Verzierung bei den Modellen Style-20 bis 22 eher selten zu finden ist und erst ab Style-24 auftritt, vermute ich, dass es sich um eine Gitarre handelt, die ursprünglich als Style-23 vertrieben wurde.

Eine antike Parlor-Gitarre, die einen so sehr zum Nachdenken über Martins Geschichte anregt, ist einfach großartig.

Stewart & Bauer Parlor

Hier handelt es sich um eine Parlor-Gitarre der Marke Stewart & Bauer aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Stewart & Bauer wurde 1898 von George Bauer, einem Gitarren- und Mandolinenbauer aus Philadelphia, und Samuel Swaim Stewart (S. S. Stewart), der auch als Banjo-Hersteller bekannt war, gegründet.

Die beiden arbeiteten bis etwa 1910 zusammen und stellten Instrumente unter ihren jeweiligen Markennamen her, wobei Bauer hauptsächlich Gitarren und Mandolinen und Stewart vor allem Banjos baute.

Wie man an den filigranen Verzierungen erkennen kann, vereint dieses Instrument die handwerkliche Kunstfertigkeit und die Ästhetik jener Zeit.

Die Perlemuttverzierung, die den gesamten Korpus umrandet, sowie die Rosette strahlen auch nach über 100 Jahren noch immer, und das Griffbrett ist mit feinen Einlegearbeiten verziert, die Blumen und Ranken zum Motiv haben.
Dieses Blumenmuster ähnelt dem „Tree of Life“-Motiv, das man bei Washburn-Instrumenten aus derselben Zeit findet, zeichnet sich jedoch durch eine noch feinere Ausführung aus.

Zudem ist am Halsfuß eine Blumengravur eingearbeitet, wie man sie auch bei den Banjos von S.S. Stewart findet, und für die Verzierung des Rückstreifens wurde ebenfalls äußerst seltene Perlmutt-Intarsienarbeit verwendet.

Jede einzelne Verzierung vermittelt, wie sehr die Handwerker ihr Herzblut in diese Gitarre gesteckt haben, um sie zu einem „Kunstwerk jenseits eines bloßen Instruments“ zu machen.

Washburn Model 188 „1896 STYLE NEW MODEL“

Die Geschichte von Washburn beginnt bei der Firma Lyon & Healy.

Das Unternehmen wurde 1864 von George Washburn Lyon und Patrick Joseph Healy als Vertriebsniederlassung in Chicago für die Veröffentlichungen des Bostoner Musikverlags Oliver Ditson & Co. (Ditson) gegründet.

Ditson ist unter anderem dafür bekannt, dass das Unternehmen 1916 die „Extra Large“-Modelle (111/222/333) bestellte, die als Vorläufer der Martin Dreadnought-Gitarren gelten – man kann sich also vorstellen, wie groß der Einfluss von Ditson auf die Musikinstrumentenbranche war.

Nun, „Washburn“ ist, wie der Name schon sagt, eine Eigenmarke von Lyon & Healy, die auf den zweiten Vornamen von George Washburn Lyon zurückgeht und in den 1880er Jahren ins Leben gerufen wurde. 1887 wurde sie offiziell als Marke eingetragen, und dieser Name wurde den hochwertigen Saiteninstrumenten (Gitarren, Mandolinen, Banjos usw.) verliehen, die im Werk des Unternehmens in Chicago hergestellt wurden.

Heute ist Washburn auch in der Rockszene bekannt, da Musiker wie Paul Stanley und Nuno Bettencourt diese Gitarren spielen. Lyon & Healy hingegen ist heute vor allem für seine Konzertharfen bekannt, prägte damals jedoch als Vollsortiment-Hersteller von Mandolinen, Banjos, Parlor-Gitarren und mehr eine ganze Ära.

Dieses hier vorgestellte Exemplar besticht durch ein Griffbrett mit reichlich Perlemutter und prächtige Verzierungen.

Aufgrund der Einlagen und der Korpusgröße lässt sich vermuten, dass es sich um das Modell 188 aus den 1890er- bis 1900er-Jahren handelt.

 

Das Etikett ist rund.

Auf dem Mittelstreifen der Korpusrückseite sind die Stempel „1896 STYLE“, „GEORGE WASHBURN“ und „NEW MODEL“ zu sehen.

Der Steg zeichnet sich durch seine zu beiden Seiten fächerförmig auslaufende Form aus und wird nach seinem Konstrukteur George Durkee als „Durkee’s Bridge“ bezeichnet. (Auch andere Stegformen werden unter diesem Namen vorgestellt.)
Ein innovatives Design ist, dass die Saiten durch ein Loch im oberen Teil des Stegs geführt werden.

Die Stimmknöpfe bestehen aus dickem, glänzendem Perlmutt.
Die Platte ist mit pflanzlichen Motiven verziert, und an beiden Enden sind Aussparungen in Form von Kronen eingearbeitet.

In dieser Art der Teileverwendung steckt der ganz eigene Charme, den nur Antiquitäten haben.

[Hier geht’s zur Washburn-Bestandsliste]

Washburn Grand Concert Guitar

Hier handelt es sich um eine etwas größere „Grand Concert“ (ca. 360 mm breit), die der Martin-Größe 00 (Double-O) nahekommt. Eine

genaue Modellbestimmung ist zwar nicht möglich, doch die Form des Stegs und die Verzierungen ähneln denen des Modells 367.

Auf der Rückseite des Kopfes ist „WASHBURN“ eingeprägt, und auf dem Mittelstreifen der Korpusrückseite befindet sich der Stempel „LYON&HEALY; MAKERS CHICAGO.U.S.A.“ – das lässt die Wurzeln der Marke erahnen.

Die Stimmmechaniken sind aufgrund der Form an beiden Seiten der Platte vermutlich von Waverly.
Da Waverly-Stimmmechaniken etwa ab 1920 bei Martin und anderen Herstellern zum Einsatz kamen, gehe ich davon aus, dass auch diese Gitarre aus dieser Zeit stammt.

Für den Korpus wurde Hacalanda mit einer sehr markanten Maserung verwendet.

Es ist eine antike Gitarre mit einem prächtigen Erscheinungsbild, bei der Holz und Verzierungen wunderbar harmonieren.

Hier geht’s zur Beratung zum Ankauf und zur Bewertung von Gitarren und antiken Instrumenten aus dem 19. Jahrhundert

[Die Notwendigkeit der Schönheit] Überlieferte Verzierungen und Materialien

Im „Salon“ (Empfangsraum), der als Symbol für bürgerliche Haushalte galt, stand neben schönen Möbeln und Gemälden auch eine kleine Gitarre zum Musizieren. Wenn man sich

diese Szene vorstellt, kann man sich gut vorstellen, dass die Salon-Gitarren des 19. Jahrhunderts nicht nur einfache Instrumente waren, sondern auch als Kunstwerke, die das Leben bereicherten, eine besondere Präsenz hatten.

Und ihr sanfter, feiner Klang war wohl der Inbegriff der häuslichen Gemütlichkeit.

Wenn man diese antiken Gitarren betrachtet, bei denen die Textur des Holzes, Perlmutt und die für die damalige Zeit typischen Kunststoffverzierungen wunderbar miteinander harmonieren, spürt man, dass die Handwerker sowohl nach „Klang“ als auch nach „Schönheit“ strebten. Kleine Gitarren, die sich in

edle Räume einfügten und die Herzen der Menschen durch Musik miteinander verbanden.

Das ist meiner Meinung nach das Wesen der „Salongitarre“ und der Grund, warum sie uns auch heute noch so sehr fasziniert.

Ein paar Worte: „Wenn man von Parlourgitarren spricht, stellt man sich normalerweise eine ‚handliche Gitarre‘ vor, aber als ich ihre Wurzeln zurückverfolgt habe, war ich tief bewegt davon, dass sie über den Rahmen eines Instruments hinausgehen und direkt mit der Geschichte der westlichen Kultur verbunden sind. Besonders die Gelegenheit, diesmal eine Martin aus den 1850er Jahren – der Gründungszeit – in die Hände zu nehmen, war eine unvergessliche Erfahrung.“

Autor dieses Artikels: Inoue – Geschäftsführer von Advance Guitars und Experte für Vintage-Gitarren

Er hat schon seit seiner Kindheit Kontakt mit Musikinstrumenten und ist ein Experte, der sich mit der Begutachtung und dem Verkauf von über tausend Vintage-Gitarren beschäftigt. Er verfügt über enge Kontakte zu Sammlern und Händlern im Ausland. Getreu seinem Motto „Die Geschichte einer Gitarre kann sich schon durch eine einzige Farbe oder einen Stempel ändern“ legt er Wert auf detailverliebte und liebevolle Erläuterungen.

Qualifikationen und Erfolge: Seit 8 Jahren als Musikinstrumenten-Gutachter tätig, schreibt und redigiert Beiträge

für Magazine wie das „Guitar Magazine“

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