Kunst und Erinnerung, die seit über einem Jahrhundert weiterleben

~Die Geschichte einer Martin 00-45 aus dem Jahr 1908~

„Style-45“

Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die Firma C.F. Martin in Nazareth, Pennsylvania, im Osten der USA, war damals eine viel kleinere Werkstatt als heute. In dem aus Ziegeln und Holz erbauten Gebäude fertigten etwa zehn Handwerker monatlich etwa ein Dutzend Instrumente. Wahrscheinlich stellte jeder einzelne Handwerker seine Instrumente mit dem Ziel her, „etwas Besseres“ zu schaffen, wobei er sich auf seine eigenen fünf Sinne verließ.

Bei Martin gab es bereits damals verschiedene Klassen, die je nach Verzierung und verwendeten Materialien als „Style“ bezeichnet wurden.Je höher die Zahl, desto hochwertiger die Ausstattung und desto aufwendiger und zeitintensiver die Herstellung der Gitarre. Im Jahr 1904 vollendeten die Handwerker von Martin den Style-45 mit besonders prächtigen Verzierungen, um die ganze Kunstfertigkeit ihres Handwerks zu demonstrieren. Seitdem nimmt der Style-45 in der Geschichte von Martin seit über einem Jahrhundert einen besonderen Platz als „Spitzenmodell“ ein.

Das Besondere am Style-45 liegt in seiner filigranen und präzisen Verzierung. Die Einarbeitung von Abalone-Muschel an den Außenkanten des Korpus, der Rosette und der Kopfplatte sowie das Umwickeln der Decke über die Kante des Griffbretts hinaus gilt als äußerst schwierig und ist bis heute eine Herausforderung, der sich viele Gitarrenbauer stellen.

Die Style 45 aus den frühen 1900er Jahren ist das Ergebnis dieser herausragenden Handwerkskunst in ihrer reinsten Form. Dabei handelt es sich nicht nur um ein luxuriöses Modell, sondern um eine „Gitarre von höchster Perfektion“, in die Martin das gesamte technische Know-how seiner damaligen Zeit einfließen ließ.

Die in diesem Artikel vorgestellte Gitarre ist eine 00-45 aus dem Jahr 1908 und gehört zu den nur drei Exemplaren, die in jenem Jahr hergestellt wurden.

Welche Geschichte verbirgt sich dahinter? Lassen Sie uns das gemeinsam aufdecken.

„Die Atmosphäre der Zeit um 1908“

Das Jahr 1908 (Meiji 41) fällt in Japan in die Spätphase der Meiji-Zeit. In Tokio und Osaka verbreitete sich die westliche Kultur rasch, Eisenbahnlinien und Straßenbeleuchtung wurden ausgebaut, und Menschen in westlicher Kleidung gingen durch die Straßen.Auch in der Welt der Musik hielten westliche Instrumente nach und nach Einzug, und Mandolinen und Gitarren wurden unter Studenten immer beliebter. In dieser Zeit, in der die Nachwirkungen der „Bunmei Kaika“ (zivilisatorische Erleuchtung) noch nachhallten, begannen die Menschen in Japan zum ersten Mal, die Kultur des „Musikgenusses“ in ihrem Alltag bewusst wahrzunehmen.

Auf der anderen Seite des Pazifiks, in den Vereinigten Staaten, erschütterte die Finanzkrise von 1907 das ganze Land. Ausgelöst durch den Zusammenbruch einer Bank in New York verschlechterte sich die Liquiditätslage der Unternehmen, und die gesamte Fertigungsindustrie wurde schwer getroffen. Der Konjunkturrückgang griff auch auf die kleine Kleinstadt Nazareth über, und die Musikinstrumentenbranche bildete da keine Ausnahme.

Im Jahr 1908 befand sich die Firma Martin in einer Phase des stillen Umbruchs. Durch die Finanzkrise des Vorjahres 1907 war die amerikanische Wirtschaft stark eingebrochen, und auch der Absatz von Gitarren ging rapide zurück. Die Produktionszahl, die 1906 noch bei etwa 250 Stück gelegen hatte, sank 1907 auf etwa 180 und 1908 auf etwa 150 Stück, was eine besonders schwierige Zeit bedeutete.

Dennoch ließ sich Frank Henry Martin nicht beirren. In einer kleinen Fabrik in Nazareth, Pennsylvania, fertigten etwa zehn Handwerker weiterhin von Hand Gitarren mit Darmsaiten und Bowlback-Mandolinen.In dieser Werkstatt, in der der Duft von Holz und das Geräusch von Hobeln die Luft erfüllten, herrschte eine Wärme, die sich mit Maschinen niemals nachbilden ließ. Im Jahr 1908 war Martin von einer stillen Leidenschaft erfüllt, die die Tradition bewahrte und zugleich den Blick auf eine neue Ära der Musik richtete. In dieser Stille lag der sichere Atem, der in die spätere Blütezeit münden sollte.

Eine der in dieser Zeit entstandenen 00-45 gelangte später in die Hände einer Gitarristin und schrieb gemeinsam mit ihrem musikalischen Leben eine ganz besondere Geschichte.

Erste Besitzerin: „Hazel Henderson“

Hazel Henderson (in der Mitte des Fotos)

Dieser Name ist untrennbar mit der Geschichte der 1908 gebauten Martin 00-45 verbunden. Sie wurde 1891 im US-Bundesstaat Kalifornien geboren. Sie wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und erhielt vermutlich schon von Kindesbeinen an Musikunterricht.Im Los Angeles jener Zeit galt die Gitarre noch als „Hobby der Oberschicht“, und wenn eine Frau Gitarre spielte, galt dies als Zeichen von Anstand.

Im Alter von nur 16 Jahren gab Hazel ein Konzert im Los Angeles Philharmonic Auditorium. In den Aufzeichnungen ist vermerkt: „Hazel Henderson gab ein Gitarrenkonzert im Los Angeles Philharmonic (im Alter von 16 Jahren)“. Wenn man bedenkt, wie selten es damals war, dass eine Frau mit der Gitarre auf der Bühne stand, wird deutlich, wie viel Leidenschaft und Talent sie besaß.

Es ist ein Foto erhalten geblieben, auf dem die 16-jährige Hazel vor dem Konzert zusammen mit ihren Freunden zu sehen ist.


Sie steht in der Mitte und blickt ruhig und gelassen in die Kamera. In einer weißen Bluse und einem langen Rock verkörpert sie die elegante Haltung jener Zeit. Zu ihren Füßen links steht ihre geliebte Martin-Gitarre. Man erkennt, dass der Korpus mit einem Steg aus Elfenbein versehen ist, was ihr einen besonders edlen Look verleiht. Bei dieser Gitarre handelt es sich um eine Martin 00-45 aus dem Jahr 1908.Ihre Leidenschaft für die Musik und der Hauch der Kultur, die damals in den Familien der amerikanischen Ober- und Mittelschicht verwurzelt war, kommen auf diesem Foto still zum Ausdruck.

Die Noten, die sie liebte, stammen aus dem Band „Compositions and Arrangements for the Guitar“ von Manuel Y. Ferrer (erschienen bei Oliver Ditson).
Ditson ist, wie bereits in dem Artikel über antike Parlorgitarren erwähnt, ein großes Unternehmen, und die Erwähnung von Namen wie Chicago LYON & HEALY lässt mich diese Verbindung besonders spüren.


Dieses Buch ist ein wichtiges Dokument, das die klassische Gitarrenkultur im Amerika des späten 19. Jahrhunderts symbolisiert. Nach einem Konzert im Los Angeles Philharmonic Auditorium wurde Hazel Mitglied des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Aus den Seiten mit ihren Notizen geht hervor, dass sie sich der Musik nicht nur als Hobby, sondern als ernsthafte Musikerin widmete.


Später heiratete sie und änderte ihren Namen in „Hazel Henderson Conte Stretton“. Am 26. Januar 1970 verstarb sie.
Als Gitarristin muss es ein Leben gewesen sein, das ganz von der Leidenschaft für die Musik geprägt war. Da sie schon in jungen Jahren Konzerte gab und später als Mitglied des Philharmonieorchesters auf der Bühne stand, gibt es heute keine Möglichkeit mehr zu erfahren, wie sie sich bis ins hohe Alter mit der Musik auseinandergesetzt hat. Doch auch nach mehr als 100 Jahren gibt die Martin-Gitarre, die sie so liebte, weiterhin still ihren Klang wieder. Der Klang überdauert die Erinnerung der Menschen und lebt zusammen mit ihrem Leben in diesem Instrument weiter.


Stiller Schlaf „Jenseits vergessener Zeiten“

Unter ihren Hinterlassenschaften lag diese 00-45 still neben Noten und Fotos.
Die Gitarre wurde vermutlich von ihrer Familie aufbewahrt, doch im Laufe der langen Jahre hatten sich die Saiten gelöst, und auf der Holzoberfläche begannen sich Risse durch Austrocknung zu bilden.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann in den USA der Folk-Boom, und große Gitarren mit Stahlsaiten rückten ins Rampenlicht.
Martin-Gitarren mit Nylonsaiten, wie sie Hazel spielte, gerieten hingegen im Laufe der Zeit still und leise in Vergessenheit.
Doch Instrumente „leben“ genauso wie Menschen.
Sie spüren die Luftfeuchtigkeit, durchleben die Jahreszeiten und atmen tief in den Maserungen des Holzes weiter.
In dieser stillen Zeit wartete diese 00-45 aus dem Jahr 1908 auf den Tag, an dem sie wieder erklingen würde.


Hazels Enkel „Bill Barto“, der sich ihre Wiederbelebung wünschte

Nachdem Hazel Henderson Conte Stretton 1970 nach einem langen musikalischen Leben verstorben war, ging die Martin 00-45 aus dem Jahr 1908, die sie ihr ganzes Leben lang begleitet hatte, an ihren Enkel Bill Barto über.Die Gitarre, die seine Großmutter so liebevoll gespielt hatte, wies nach all den Jahren zahlreiche Schläge und Kratzer auf; auf der Decke waren Risse entlang der Einlagen zu sehen, und auch auf dem Boden waren Risse und Fehlstellen im Perlmutt zu erkennen. An den Zargen befanden sich zahlreiche Risse und Fehlstellen im Holz, der Steg hatte sich gelöst, und auf dem Griffbrett waren Abnutzungsspuren und Schleifspuren zu sehen. Ihr Zustand spiegelte wohl genau das Bild eines Instruments wider, das eine lange Geschichte hinter sich hatte.

In Barto’s Brief steht geschrieben, dass er in seiner Kindheit den Klang dieser Gitarre, auf der seine Großmutter spielte, aus nächster Nähe gehört hatte. Man spürt, dass diese Erinnerung an den Klang für ihn etwas ganz Besonderes war. Vielleicht war es dieser Gedanke, der zu dem Wunsch führte, diese Gitarre wieder zum Leben zu erwecken.


Die Restaurierung im Martin-Hauptsitz „1983“

Im März 1983 beauftragte Herr Barto die Reparaturabteilung am Martin-Hauptsitz in Nazareth, Pennsylvania, mit der Instandsetzung.
Auf dem Reparaturauftrag (Repair Order #4880) sind detaillierte Arbeiten aufgeführt, um die Gitarre wieder spielbar zu machen, darunter „Reparatur von Rissen an Decke und Boden“, „Kleben von Rissen an den Zargen“, „Ergänzung von fehlenden Einfassungen und Perlen“, „Neujustierung des Halses und Korrektur der Bünde“ sowie „Neukleben des Stegs“.
Die Reparaturkosten beliefen sich auf insgesamt 540 Dollar, was für damalige Verhältnisse keineswegs ein geringer Betrag war. Es handelte sich nicht um einen bloßen Reparaturauftrag, sondern um eine aufrichtige und von Herzblut getragene Geste, um den Klang, den seine Großmutter so geliebt hatte, in die Zukunft zu tragen.
Die Reparatur dauerte vermutlich etwa drei Monate, dann kehrte die Gitarre zu Herrn Barto zurück. In dem Moment, als Herr Barto die Gitarre entgegennahm und den ersten Ton anschlug, muss sich der Klang, der seit 1970 eingeschlossen war, wieder in der Luft ausgebreitet haben.


Zwischen Wissenschaft und Gefühl: „George Gruhn“

Im Jahr 2007 wurde die 1908 gebaute Martin 00-45 von Gruhn Guitars, einem renommierten Händler aus Nashville, begutachtet.
Der Gründer, George Gruhn, ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Vintage-Gitarren; seine Einschätzung geht über den Marktpreis hinaus und gilt als Maßstab aus historischer und handwerklicher Sicht.
In einem Schreiben vom 14. September 2007 wird die „Martin 00-45 aus dem Jahr 1908 (S/N 10761)“ in ihrem aktuellen Zustand mit 25.000 Dollar bewertet.
Unter Bezugnahme auf die Reparaturunterlagen von Martin überprüft Gruhn sorgfältig die strukturellen und dekorativen Merkmale des Modells Style 45, darunter die Adirondack-Fichtendecke und die geschnitzte Verstrebung, den Zedernhals mit 12-Bund-Verbindung, die Zargen und den Boden aus brasilianischem Palisander sowie die Elfenbein-Einfassung, die Torch-Inlays und die Abalone-Verzierungen.
Darüber hinaus stellt er klar, dass diese Gitarre das damals hochwertigste Modell war, das Martin herstellte, und dass die speziell für Nylonsaiten konzipierte Verstrebung nicht für moderne Stahlsaiten geeignet ist.
Aus diesen Beschreibungen wird deutlich, dass Herr Gruhn nicht nur ein Gutachter war, der lediglich das äußere Erscheinungsbild bewertete, sondern ein Forscher, der seine Beurteilung auf der Grundlage eines Verständnisses der konstruktiven Prinzipien der Entstehungszeit traf. Aus den erhaltenen Unterlagen geht zudem hervor, dass diese Begutachtung den Anstoß für Verhandlungen im Hinblick auf einen Verkauf gab.
Nach mehr als hundert Jahren hatte diese Gitarre einen leisen Schritt in Richtung ihres nächsten Spielers gemacht.


Erinnerungen an Los Angeles: „Westwood Music“

Danach gelangte diese Gitarre zum traditionsreichen Musikgeschäft Westwood Music in Los Angeles. Das Geschäft wurde von dem legendären Händler Fred Walecki geleitet. Er war mit vielen Musikern wie Joni Mitchell, Neil Young und James Taylor befreundet und gilt als eine Persönlichkeit, die die Musikszene der Westküste über viele Jahre hinweg geprägt hat. Westwood Music war nicht nur ein einfacher Laden, sondern ein Ort, an dem sich Musiker austauschten, den Klang prüften und die Geschichten hinter den Instrumenten teilten.

In einem Gutachten vom 2. Oktober 2007 steht: „Martin 0045, Seriennummer 10761, sollte mit 37.500 Dollar versichert werden.“ Aus diesem knappen Satz spürt man die für Fred Walecki typische aufrichtige und ehrliche Haltung. Auch ohne blumige Worte spricht dieser eine Satz mehr als alles andere für den Wert dieser Gitarre.

Walecki hat über viele Jahre hinweg eine Kultur des Respekts für Instrumente aufgebaut, die mit der Musik gelebt haben. Diese von ihm verfasste Bewertung war auch der Moment, in dem die 00-45 nicht als „alte Gitarre“, sondern als „weitergegebene Klang-Erinnerung“ anerkannt wurde.


Und heute: „Advance Guitars“

Und heute wird diese Martin 00-45 aus dem Jahr 1908 (Nr. 10761)
bei Advance Guitars in Shinjuku, Tokio, sorgfältig aufbewahrt und ausgestellt.

Die Adirondack-Fichtendecke hat eine tiefe Bernsteinfarbe angenommen, und der Boden aus Jacaranda strahlt mit den Jahren immer intensiver und glänzender. Der Glanz des Abalone-Intarsienwerks wechselt je nach Lichteinfall von Blau zu Grün, und ihr Erscheinungsbild wirkt wie ein Kunstwerk, das die Atmosphäre von vor 100 Jahren in sich eingeschlossen hat.
Wenn man die Saiten sanft anschlägt, breitet sich ein weicher, doch tiefer Obertonton im ganzen Raum aus.

Die Bässe klingen rund und tief, die Höhen sind klar und reichen bis in die Unendlichkeit. Dieser Klang lässt vielleicht dieselbe Atmosphäre vibrieren wie die Melodien, die Hazel Henderson einst spielte.

„Erinnerungen, die im Klang wohnen“

Geboren 1908 in Nazareth
Von Gitarristinnen an der Westküste geliebt
Wiederbelebt am Martin-Hauptsitz
Von den Meistern in Kalifornien und Nashville weitergegeben und nun lebt sie still in Tokio weiter.
Die Geschichte dieser 00-45 aus dem Jahr 1908 ist nicht nur die „Geschichte einer alten Gitarre“.
Es ist die Erinnerung selbst, die Menschen den Klang lieben und durch ihre Hände weitergegeben haben.
Martin schuf kein Instrument, sondern die „Kraft, an den Klang zu glauben“.
Die Handwerkskunst der Handwerker von vor über 100 Jahren lebt auch heute noch in diesem Klang weiter.
Und auch heute noch bleibt jemand vor dieser Gitarre stehen
und lauscht ihrem leisen Klang
und damit beginnt wieder eine neue Geschichte.

Autor dieses Artikels: Inoue (Geschäftsführer von Advance Guitars)

Bei TC Gakki zuständig für E-Gitarren und Akustikgitarren. Im Jahr 2023 war er an der Gründung des Akustikgitarren-Fachgeschäfts Advance Guitars beteiligt. Als Geschäftsführer hat er Erfahrungen im Handel mit Sammlern und Musikern im In- und Ausland gesammelt. Er hat maßgeblich an der Veröffentlichung des weltweit ersten SJ-Dokumentationsbands „GIBSON KING OF THE FLAT-TOPS“ mitgewirkt. Darüber hinaus verfasst er zahlreiche Kolumnen.

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