Selmer Varitone

Das 1965 von H.&A. Selmer Inc. (auch bekannt als „Americel“) eingeführte elektrische Saxophonsystem „Varitone“ war zwar unter einigen Enthusiasten und Sammlern bekannt, doch da nur äußerst wenige Instrumente erhalten sind und das System einschließlich Verstärker nie vollständig vorlag, blieben die Details weitgehend unbekannt. Seine Existenz drohte bereits in Vergessenheit zu geraten.

THE Used Instrument Shop hatte vor einigen Jahren über einen ausländischen Kontakt ein komplettes „Varitone“-Tenorsaxophon-System von AmeSel in ausgezeichnetem Zustand erworben. Das Saxophon selbst war zwar in neuwertigem Zustand, doch da das entscheidende elektrische System bereits über 40 Jahre alt war, funktionierten nur noch einige wenige Teile.
Das Instrument war quasi „in der Versenkung verschwunden“, doch dank der Arbeit unserer technischen Fachkräfte zeichnet sich nun endlich die vollständige Wiederherstellung des Systems ab, weshalb wir eine Sonderseite dazu erstellt haben.

In zwei Teilen präsentieren wir Ihnen das bisher unbekannte Gesamtbild dieses bahnbrechenden elektronischen Blasinstruments.

Es handelt sich um eine weltweit seltene, detaillierte Erläuterung zum „Varitone“.

*Dieses Instrument wird auf Seite 083 in „SAX&BRASS Vol. 10“ (erschienen bei Rittor Music) unter dem Titel „PRECIOUS HORN Cafe“ vorgestellt.

Teil 1 – Einleitung –
 

 Es kommt selten vor, dass ein Produkt, das radikale Innovationen hervorbringt, von der Welt mit Lob aufgenommen wird. Je avantgardistischer es ist, desto mehr stehen ihm die Mauern der gängigen Vorstellungen im Weg, und es scheint dazu bestimmt zu sein, als Eintagsfliege der Zeit zu enden.

Das elektrische Saxophon „Varitone“, das H&A. Selmer Inc. (= A. Selmer) 1965 auf den Markt brachte.

 Zu einer Zeit, als traditionsreiche amerikanischeHersteller von Blasinstrumenten wie Cornet und King allmählich an Boden verloren, wagte das Unternehmen, das den amerikanischen Saxophonmarkt im Sturm erobert hatte, den Schritt zu diesem halb experimentellen Hybridmodell.
 Ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre trat der Jazz in eine Ära des äußerst anspruchsvollen und schwer zugänglichen „Free Jazz“ ein. Während er kommerziell immer weiter an Bedeutung verlor, erlebten Rock ’n’ Roll und Soul Music in der amerikanischen Musikszene einen enormen Aufschwung, und elektrische Instrumente begannen, die Hauptrolle bei der Musikdarbietung zu übernehmen.
 Würde die Elektrifizierung der Musik so weitergehen, würden akustische Blasinstrumente dann nicht in eine Ecke der Musikszene verdrängt werden? A. Selmer, ein Unternehmen, das in einer Zeit, in der Unplugged-Musik, angefangen beim Jazz, die Popmusik bzw. die kommerzielle Musik dominierte, ein enormes Wachstum verzeichnet hatte, dürfte eine gewisse Besorgnis verspürt haben.

 Die Entwicklung des elektrischen Saxophons, die heute auf den ersten Blick als waghalsig erscheint, war vielleicht nicht nur für das Instrument selbst, sondern auch für das Überleben der Firma A. Selmer ein entscheidender Schritt.

 

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Erläuterungen zum Saxophon

 Das von A. Selmer entwickelte elektrische Saxophon „Variton“ ist eine kühne und unkonventionelle „Umbauversion“ des MARK VI von American Selmer, einem Meisterwerk, das bis heute einen strahlenden Platz in der Geschichte der Blasinstrumente einnimmt.

 Die Basis bildet ein American Selmer Tenorsaxophon der 140.000er-Serie. Der Zustand des Korpus ist hervorragend. Selbstverständlich sind die für American Selmer charakteristischen Gravuren und die Naturlackierung vorhanden. Die 140.000er-Serie wurde unmittelbar nach einer geringfügigen Überarbeitung des Mark VI hergestellt. An der Form von Korpus, Hals und Schallbecher wurde nichts verändert, sodass es sich um genau dieselbe Form wie beim normalen Mark VI der 140.000er-Serie handelt.

Es gibt nur minimale Lackabplatzungen und Kratzer. Möglicherweise wurde das Instrument nur wenige Male gespielt oder lediglich einer Inspektion und Funktionsprüfung unterzogen. Alle verbauten Polster sind original.

Die Klappenmechanik ist erstaunlich präzise und leichtgängig. Das Instrument verfügt über satte Mitten und Tiefen sowie einen außergewöhnlich klaren, kräftigen Höhenbereich. Es handelt sich um ein Exemplar, das sich als echtes Mark-6-Tenorsaxophon wacker behaupten kann.


Hals

 Zunächst zum Hals. Es handelt sich um die spätere Form, die unmittelbar nach den geringfügigen Änderungen am Instrument selbst als „Six“ eingeführt wurde. Der Zustand ist makellos, unfallfrei und unbeschädigt. Am Hals ist ein Tonabnehmer mit piezoelektrischem Element angebracht, ein neues Material, das damals zunehmend Aufmerksamkeit erregte. Viele fragen sich vielleicht: „Warum wird ein Mikrofon ausgerechnet am Hals angebracht, der für ein Saxophon so wichtig ist?“ Doch für diesen Punkt gab es einen triftigen Grund (siehe separate Erläuterung zum System).

Das Selmer Varitone-Mikrofon befindet sich 50 mm von der Halsspitze entfernt. Es ist auf einem am Hals angeschweißten Messingfuß befestigt. Aus diesem Grund ist der Halskork etwas kürzer gewickelt als bei einem normalen Six. Der Durchmesser beträgt etwa 19 mm. Zusammen mit dem Fuß beträgt die Höhe nur etwa 14 mm. Für ein Mikrofon jener Zeit ist es äußerst kompakt. Selbstverständlich behindert es das Sichtfeld des Spielers nicht.

Das vom Mikrofon ausgehende Kabel ist über einen Ministecker mit einer an der Oberseite des Korpus angeschweißten Buchse verbunden. Da es sich um einen Steckverbinder handelt, lassen sich Hals und Winkel wie bei einem gewöhnlichen Saxophon frei anbringen und verstellen.

Dadurch liegt zwar ein dünnes Kabel vom Mikrofon bis zur Buchse frei, doch da es durch einen Ring an der Halsseite geführt wird, stört es die Oktavklappen nicht.


Korpus

 Die Messingstange, die wie eine Ader an der Rückseite des Korpus hervorsteht, umschließt das Mikrofonkabel. Dies dient dem Schutz des Kabels und basiert gleichzeitig auf dem Konstruktionskonzept, dass die elektrischen Funktionen den Spieler beim Spielen in keiner Weise einschränken dürfen. Selbstverständlich wird auch diese Messingstange bereits bei der Herstellung verschweißt und zusammen mit dem Korpus mit einer natürlich trocknenden Lackierung versehen.

Um jegliche Beeinträchtigung der Klappensteuerung durch das Kabel zu vermeiden, ist die Stange so an den Korpus geschweißt, dass sie den winzigen Spalt zwischen Tonloch und Oktavklappe sanft umgeht.

Um eine möglichst gerade Kabelführung zu gewährleisten, ist die Stange leicht angehoben, sodass sie über die Beine des Klappenschutzes verläuft. Unmittelbar vor dem Ring, der die U-förmigen Rohre verbindet, wird sie so gebogen, dass sie sich perfekt an die Krümmung des Korpus anpasst, und verläuft dann auf der Vorderseite des Korpus.

 Der Controller misst 100 mm in der Höhe, 60 mm in der Breite und 35 mm in der Tiefe. Er wurde entsprechend der Größe des Klappenschutzes, an dem er befestigt wird, konstruiert. Die Position des Controllers muss so gewählt sein, dass sie weder die normale Klappentechnik noch den Klang oder die Intonation beeinträchtigt und es dem Spieler ermöglicht, ihn während des Spiels selbst zu bedienen. Im Vergleich zur eleganten Anbringung von Mikrofonen und Kabeln lässt sich zwar nicht leugnen, dass die Anordnung optisch etwas aufgesetzt wirkt, doch da der Controller selbst sehr leicht ist, fällt dies beim Spielen überhaupt nicht ins Gewicht.

Das Kabel, das von der Unterseite des Korpus durch das Innere des U-Rohrs verläuft, wird durch eine Messingstange geführt und verläuft durch einen Ring am Korpusring, der das Schalltrichterrohr verbindet. Es ist mit dem Controller verbunden, der auf dem Klappenschutz für das tiefe B und B♭ angebracht ist.

 

Das Kabel, das von der Unterseite des Korpus durch das Innere des U-Rohrs verläuft, führt durch eine Messingstange und durch einen Ring am Korpusring, der das Schalltrichterrohr verbindet. Es ist mit dem Controller verbunden, der über den Klappenabdeckungen für das tiefe B und B♭ angebracht ist.

 

 Der Hals mit eingebautem Mikrofon und die wie Blutgefäße hervortretenden Kabelabdeckungen lassen einen zwar zunächst staunen, doch das Saxophon selbst ist überraschenderweise ein ganz normales Saxophon geblieben. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass für die Elektrifizierung eine spezielle Halsform oder eine Änderung des Instrumentendesigns vorgenommen wurde. Teile und Kabelverlegungen, die die Klappenbewegung behindern könnten, wurden meisterhaft vermieden.Das Gewicht des Controllers fällt kaum ins Gewicht. Die Bedienbarkeit beim normalen Spielen ist äußerst geschmeidig und kompakt. Die charakteristischen Eigenschaften des Ameser bleiben vollständig erhalten. Solange das elektrische System nicht aktiviert wird, erklingt der vertraute, ganz normale (und wunderbare) Ameser-Tenorsaxophon-Klang.

Daher lag der Schwerpunkt bei der Entwicklung des „Variton“ darauf, das elektrische System – einschließlich Mikrofon und Spezialverstärker – mit dem Instrument selbst zu verbinden, ohne die Eigenschaften und den Charakter des Mark Six als hochgradig ausgereiftes akustisches Instrument zu beeinträchtigen.

*Die folgende Erläuterung des Systems stammt von Tomita, dem Verfasser der beliebten Kolumne „Amp Man'yuki“ auf unserer Website, die sich einer überwältigenden Besucherzahl erfreut, und einem Spezialisten, der Tag und Nacht daran arbeitet, dieses System, das sich quasi im Winterschlaf befand, vollständig wiederzubeleben.Für diejenigen, die normalerweise Blasinstrumente spielen, mag dies eine sehr fachspezifische und detaillierte Erklärung sein, doch sie ist aufgrund der darin enthaltenen wenig bekannten Errungenschaften von Selmer durchaus lesenswert. Und ich denke, Sie werden verstehen, wie bahnbrechend die Entwicklung des „Variton“ für die damalige Zeit war.

Erläuterung des Systems

 Als H&A Selmer Inc. 1965 mit der Entwicklung des elektrischen Saxophons begann, war das wichtigste Konzept, „die grundlegende Klangqualität und Leistungsfähigkeit des Saxophons zu bewahren“.Es sollte sich also nicht, wie beispielsweise bei der E-Gitarre, weit vom ursprünglichen akustischen Instrument entfernen, sondern trotz elektrischer Verstärkung und verschiedener Effekte den typischen Saxophonklang bewahren. Gleichzeitig sollten die elektrischen Funktionen dem Spieler keinerlei Einschränkungen beim Spielen auferlegen, und das Instrument sollte im „rohen“ Zustand, also ohne Anschluss an elektronische Geräte, ohne Abstriche wie ein normales Saxophon gespielt werden können.Um dieses Konzept zu verwirklichen, wurden zahlreiche Versuche unternommen und wiederholt Gespräche mit vielen Saxophonisten geführt.


 Die erste Herausforderung bestand darin, den Klang des Saxophons zur Verstärkung aufzunehmen. Zu diesem Zweck führte Jean Selmer, damals Techniker bei H. Selmer et Cie in Paris, bei der Anbringung von Mikrofonen am Saxophon selbst zahlreiche Versuche und Irrtümer durch. Wie Sie wissen, ändern sich beim Saxophon die akustischen Spitzenpunkte im Inneren des Instruments je nach Tonhöhe und Spieltechnik, weshalb es äußerst schwierig war, den gesamten Klang des Saxophons mit einem einzigen Mikrofon einzufangen.Im Idealfall wäre es am besten gewesen, an jedem Schallloch ein eigenes Mikrofon anzubringen, doch dies war sowohl aus Gründen der Handhabung als auch der Kosten nicht realisierbar. Daher sammelte er verschiedene akustische Proben und ermittelte anhand der Messwerte, dass sich alle Frequenzen auf das Mundstück und den Hals konzentrieren. Da diese Position bereits bei einer Abweichung von wenigen Millimetern ihre Wirkung verliert, wurde das Mikrofon nicht abnehmbar gestaltet, sondern bereits bei der Herstellung fest am Hals des Saxophons befestigt.

 Daraufhin beauftragte H&A Selmer Inc. die Firma Electro Voice, die damals in den USA als einer der führenden Hersteller von Audiogeräten bekannt war, mit der Entwicklung und Fertigung der elektronischen Bauteile.Zwar wurden damals auch bei Selmer UK mit Sitz in London Verstärker hergestellt, doch da diese vor allem aus Röhrenverstärkern für E-Gitarren bestanden, die für Rockmusik gedacht waren, scheint es die beste Wahl gewesen zu sein, auf die Technologie von Electro Voice zurückzugreifen, einem auf Mikrofone und Audiogeräte spezialisierten Hersteller mit Sitz im Nachbarstaat Michigan. 
 Electro Voice wurde 1927, etwa zur gleichen Zeit wie die Gründung von H&A Selmer Inc., von Al Khan und Lou Barrows in South Bend, Louisiana, gegründet. Damals firmierte das Unternehmen unter dem Namen „Radio Engineer“ und beschäftigte sich mit der Reparatur von Radios sowie der Herstellung von Mikrofonen; das Startkapital soll lediglich 30 Dollar betragen haben.

 Im Jahr 1930 entwickelten die beiden auf Anfrage von Knut Lokney, dem Trainer des Footballteams der University of Notre Dame, ein PA-System, um die Stimme des Trainers im Stadion zu verstärken. Da Lokney dieses System „Electro Voice“ nannte, änderten sie den Firmennamen in Electro Voice.
 Nebenbei bemerkt: Knute Rockne, der Namensgeber von Electro Voice, war eine heroische Persönlichkeit, die während ihrer zwölfjährigen Zeit als Trainer an der University of Notre Dame eine überwältigende Bilanz von 105 Siegen, 12 Niederlagen und 5 Unentschieden vorweisen konnte. Insbesondere der legendäre Sieg gegen die Militärakademie wurde später verfilmt, wobei der junge Ronald Reagan eine Rolle spielte.(Knute Rockne: All American / 1940, Warner Bros. / Regie: Lloyd Bacon / Hauptdarsteller: Pat O’Brien)

 Im Jahr 1934 gelang Electro Voice mit der Entwicklung eines rauschfreien Mikrofons mit Humbucking-Spule der Sprung an die Spitze der Mikrofonhersteller. 1946 verlegte das Unternehmen seinen Sitz nach Buchanan, Michigan, und erweiterte sein Geschäft auf den Bereich der Audiogeräte, wobei der Schwerpunkt auf Lautsprechern lag.Und in den 1960er Jahren, als die Welt ihre Aufmerksamkeit auf die Raumfahrt richtete, flog im Rahmen des Mercury-Programms der NASA ein Mikrofon von Electro Voice zusammen mit dem Astronauten John Glenn ins All. Gleichzeitig, in dieser Blütezeit des Hollywood-Kinos, erhielt Electro Voice einen Oscar für seine Mikrofone zur Tonaufnahme bei Filmproduktionen.
Selmer Varitone: So erhielt Electro Voice, das als Vorreiter im Bereich Audio und Mikrofone gerade einen rasanten Aufstieg erlebte, einen Auftrag von H&A Selmer Inc. Dieser betraf die Herstellung eines Mikrofons, das von Jean Selmer in Paris entwickelt worden war und mit nur einem einzigen Aufnahmepunkt maximale Wirkung erzielte, sowie die Herstellung eines Verstärkers zur Verstärkung dieses Signals.

 Auf der Grundlage von Jean Selmers Idee probierte Electro Voice verschiedene Mikrofonkonstruktionen aus.Zu dieser Zeit gab es Bändchenmikrofone (Velocity-Mikrofone), die sich durch einen natürlichen Klang und hervorragende Frequenzcharakteristik auszeichneten. Bändchenmikrofone hatten jedoch den Nachteil, dass sie sehr feuchtigkeitsempfindlich und anfällig für Windgeräusche waren. Aus diesem Grund verwendete Electro Voice piezoelektrische Elemente (allgemein bekannt als Piezo-Kristalle; siehe Abschnitt „Piezo-Tonabnehmer“), die damals als neues Material Aufmerksamkeit erregten.Dieses Material, das Schwingungen wahrnimmt und in elektrische Signale umwandelt, war ideal für die Aufnahme des Saxophonklangs. Da es zudem mit einem Durchmesser von etwa 19 mm und einer Dicke von 12 mm sehr kompakt gefertigt werden konnte, gelang es, an einem winzigen Aufnahmepunkt maximale Wirkung zu erzielen, ohne durch Winddruck oder unerwünschte Schwingungen beeinträchtigt zu werden.

 Der Regler zur Steuerung der Verstärkung und anderer Parameter wurde an der rechten Seite des Daumenhakens angebracht, was die Bedienung während des Spielens ermöglichte. Mit diesem Regler konnte der Musiker nicht nur die Lautstärke einstellen, sondern auch verschiedene Klangfarben wählen und Effekte wie Tremolo, Reverb und Oktav (bezeichnet als OCTAMATIC) nutzen.Wenn man bedenkt, dass Reverb in Verstärkern für E-Gitarren erst um 1963 herum zum Einsatz kam, wird deutlich, wie fortschrittlich dieses Instrument war.Die Oktavfunktion ermöglichte es, durch die Halbierung der Frequenz des Eingangssignals mittels eines Frequenzteilers (unter Verwendung von Dioden u. Ä.) einen Ton eine Oktave tiefer einzumischen. Obwohl diese Technik zu jener Zeit bereits in analogen Synthesizern zum Einsatz kam, war sie als Effekt für Musikinstrumente äußerst selten, und es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, dass sie in gewisser Weise noch fortschrittlicher war als die Funktionen der E-Gitarre selbst. 
 Da der Verstärkerteil, der als Ausgang für alle Töne dient, auf die Ausgangssignale der piezoelektrischen Elemente ausgelegt ist, bestand er aus einem speziell für hochohmige Eingänge konzipierten Vorverstärker und einem FET-basierten Ausgangsteil. Die Effekt-Schaltungen für Tremolo und Oktave waren ebenfalls im Vorverstärkerbereich untergebracht und wurden durch Signale vom Controller aktiviert.

Der Vorverstärker, der an der Oberseite des Gehäuses angebracht ist

Für den Optokoppler der Selmer Varitone-Tremolo-Schaltung wurde ein Exemplar verwendet, das den Namen Raytheon trug, eines als Rüstungsunternehmen bekannten Herstellers. Auf der Rückseite des Kopfes ist zudem eine ebenfalls für hohe Impedanzen ausgelegte Federhall-Einheit eingebaut.

Darin ist eine Federhall-Einheit integriert.

Sie lässt sich mittels Magneten vom Hauptgerät abnehmen. Der Ausgangsbereich ist am Boden befestigt.

Als Hauptverstärkerelement wird ein FET verwendet.

Auf der Leiterplatte des Ausgangsteils ist das EV-Logo (Electro Voice) zu erkennen.

Auch im Ausgangsbereich gelang es in dieser Zeit, in der noch Röhren vorherrschten, durch den Einsatz des damals gerade erst erfundenen FET (Field-Effect Transistor) einen klaren, unverfälschten Klang mit geringer Verzerrung sowie eine satte Lautstärke zu erzielen. Als Lautsprecher wurde ein 12-Zoll-Alnico-Lautsprecher vom Typ SRO12 verbaut, der damals als das Spitzenmodell galt.

 

 Der SRO12 war ein Lautsprecher, dessen Produktion zu dieser Zeit begann. Er verfügte über einen Ausgangspegel von 103 dB – 3 dB mehr als herkömmliche Electro-Voice-Lautsprecher – und hatte eine für damalige Verhältnisse kaum zu glaubende Spitzenbelastbarkeit von bis zu 300 W.
 Durch die Kombination der neuen FET-Technologie mit diesem hochwertigen und äußerst robusten Lautsprecher entsteht ein Klang, der äußerst klar und laut ist. Angesichts des Saxophonklangs, der buchstäblich aus dem Lautsprecher herausspringt, ist man zunächst von dem Schalldruck überrascht, den man bei einem einzigen 12-Zoll-Lautsprecher kaum erwarten würde.Es ist schade, dass keine Unterlagen zur Ausgangsleistung erhalten geblieben sind, doch die Lautstärke ist akustisch deutlich hoch, und unter Berücksichtigung der Spezifikationen des Verstärkers und des Lautsprechers dürfte er über eine Leistung verfügen, die der der 100-W-Klasse der letzten Jahre entspricht. Und der dröhnende Bass, der beim Einschalten des Oktavreglers erklingt, ist geradezu wild und vermittelt sogar ein Gefühl von Härte und Lautstärke, das moderne elektronische Instrumente übertrifft.Natürlich verfügt er bei orthodoxer Nutzung über genügend Klasse, um einen ausdrucksstarken, schönen Saxophonklang erklingen zu lassen, und je nach Vorstellung des Spielers ist wohl jede Art der Klanggestaltung möglich.

 Leider lässt sich aus verkaufstechnischer Sicht nicht behaupten, dass es sich um ein erfolgreiches Modell handelte, doch hier liegt das Ergebnis einer „ernsthaften“ Entwicklung vor, bei der in gewisser Weise die Kosten außer Acht gelassen wurden – dank der damals modernsten Technologie und einer großzügigen Komponentenausstattung. Selmer und Electrovoice, zwei Unternehmen, die auch heute noch als Spitzenmarken in ihrer Branche gelten, haben im Aufschwung der 60er Jahre eine Zusammenarbeit gewagt, die alle Grenzen sprengte. Diese Aura strahlt dieses Modell bis heute aus.

>> Aktuelle Informationen zu neuen Schnäppchen-Saxophonen


Teil 1 – Schluss –

 Das „Varitone“ wurde mit großzügigen Investitionen in Technologie und Kosten entwickelt und erreichte als Produkt einen hohen Grad an Perfektion. Allerdings gab es noch keine Saxophonisten, die diese Funktion zu 100 % nutzen konnten, geschweige denn Musik, in der sich avantgardistische elektronische Klänge entfalten konnten.


 Tatsächlich wurden effektbearbeitete Blasinstrumente erst fünf Jahre nach der Markteinführung des „Varitone“ durch den „König“ Miles Davis als „Electric Trumpet“ Realität. Miles steckte einen Tonabnehmer der Firma Barcus-Berry in den Mundstückschaft seiner Trompete.

Inmitten gewaltiger elektronischer Rhythmen hinterließ der durch ein Wah-Pedal verzerrte, ungewöhnliche Klang der Trompete einen starken Eindruck. Das gleiche System wird bis heute von Trompetern wie Randy Brecker von den Brecker Brothers sowie Hitoshi Kondo und Nils Petter Molvær verwendet.

 Die Elektrifizierung des Saxophons hingegen wurde erst akzeptiert, als sie vollständig vom Instrument selbst getrennt wurde. Ausgehend vom Lyricon, das 1974 von der amerikanischen Firma Computone auf den Markt gebracht wurde, folgten Modelle wie das WX von Yamaha, das die Patente erworben hatte, und das EWI von AKAI. Heute werden sie als Blas-Synthesizer bezeichnet, und wie Sie wissen, werden sie von vielen Musikern verwendet.

 

Teil 2
„Erläuterung der Controller anhand von Sounddateien“
„Demo-Aufführung“
Nun, im nächsten Teil widmen wir uns in einem großen Sonderbeitrag dem entscheidenden „Varitone“-Sound. Wir werden Ihnen die durch dieses System ermöglichten Variation-Töne vorstellen und dabei auch die Controller erläutern! Seien Sie gespannt. …Fortsetzung folgt.

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