Martin Shaded Top

Die Martin Dreadnought ist die größte Ikone der Akustikgitarrenwelt. Unter diesen Modellen sind die vier Modelle D-45, D-28, D-35 und D-18 so gut wie immer dabei, wenn es um historische Wendepunkte geht. Sicherlich haben viele Menschen durch den Klang, den diese Künstler auf ihren Gitarren erzeugen, einen Wendepunkt in ihrem Leben erlebt. Man hat die Dreadnought wohl schon in den unterschiedlichsten Situationen gesehen: bei Live-Auftritten, auf CD-Covern, in Zeitschriften oder im Musikgeschäft.


„Übrigens, welche Farbe hatte diese Gitarre?“
Ist diese Frage dumm? Natürlich ist sie naturfarben, oder? Doch in dieser Welt gibt es Vorder- und Rückseite, Licht und Schatten. Wussten Sie, dass hinter dieser Farbe, die Sie für selbstverständlich hielten, die äußerst seltene „Shaded Top“-Variante steckt?


Selbst wenn man heute ganz Japan abklappern würde, gäbe es wohl höchstens ein oder zwei Exemplare. Selbst wenn man heute die ganze Welt abklappern würde, gäbe es sicherlich nur eine Handvoll Exemplare, die man leicht zählen könnte.Martin ist stolz auf seine „Shaded Top“-Modelle, und für diese Kolumne haben wir acht Exemplare bereitgestellt – keine modernen Repliken, sondern Originale, die ihre jeweilige Epoche repräsentieren. Ein langjähriges Projekt von TC Gakki ist endlich verwirklicht worden. Das kann ich mit Sicherheit sagen. In diesem Moment, während ich diesen Text schreibe, sind wir der Musikladen mit dem weltweit größten Bestand an Vintage-„Shaded Top“-Gitarren. Ich möchte Ihnen nun die versammelten „Shaded Top“-Gitarren vorstellen.

Was ist eigentlich ein „Shaded Top“?

Der Begriff, der für Gitarristen am besten erklärt, was ein „Shaded Top“ ist, lautet „Sunburst“. Akustikgitarren von Martin haben traditionell ein naturbelassenes Finish, doch bereits in den 1930er Jahren, der sogenannten Goldenen Ära vor dem Krieg, gab es den „Shaded Top“.Während „Sunburst“ bei der Konkurrenzfirma Gibson als Standardfarbe galt, war „Shaded Top“ bei Martin nur als Option erhältlich.
„Sunburst“ war bei Gibson weit verbreitet. Dahinter steckt ein historischer Hintergrund. Die Geschichte von Gibson begann im 19. Jahrhundert mit dem Bau von Mandolinen.Das Flaggschiffmodell F-5 wurde von Anfang an mit einer Lackierung versehen, die an „Sunburst“ erinnert. Die F-5 ist zwar eine flache Mandoline, verfügt jedoch über eine leicht gewölbte Decke und F-Löcher. Da die flache Mandoline selbst in gewisser Weise der Violine nachempfunden ist, ist auch ihre Lackierung von der Violine beeinflusst.

Später baute Gibson seinen Marktanteil mit Gitarren mit gewölbter Decke aus, wobei die zuvor erwähnte Technik weiterhin zum Einsatz kam. So entstanden Instrumente mit gewölbtem Korpus und F-Löchern – Merkmale, die an die Violine erinnern – und die mit dem „Sunburst“-Finish versehen wurden.Im weiteren Verlauf der Geschichte machte die Firma Gibson mit Flat-Top-Gitarren einen großen Sprung nach vorne, und natürlich kam auch eine Flat-Top-Gitarre mit „Sunburst“-Lackierung auf den Markt. Die vertikale Geschichte der von Gibson hergestellten Instrumente führte auf natürliche Weise dazu, dass sich die „Sunburst“-Kultur bei der Firma Gibson etablierte.
Martin hingegen hatte zwar eine Zeit lang Mandolinen hergestellt, doch im Grunde war der Gitarrenbau von Anfang an das Kerngeschäft des Unternehmens. Es handelt sich um eine aus der klassischen Gitarre abgeleitete Kultur. Auch die kleinen Gitarren im sogenannten New Yorker Stil des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erhielten ganz selbstverständlich ein Naturfinish.
Auch in diesen Farbverläufen spiegelt sich der jeweilige Stil der beiden Firmen wider. Während Gibsons „Sunburst“ eine ovale Form aufweist, die sich vom Schallloch in Richtung Endpin erstreckt, hat Martins „Shaded Top“ ein eckiges Design, das der Form des Korpus folgt.

D-45
Style 45. Diese Nummerierung wird nur Gitarren verliehen, für die Holz von höchster Qualität vorrätig ist, das als geeignet befunden wurde, und die ausschließlich von ausgewählten, erfahrenen Handwerkern gefertigt wurden. Es handelt sich um ein Modell, das auch innerhalb von Martin weiterhin als das Spitzenmodell der Produktpalette gilt. Insbesondere die Produktionszahl der repräsentativen D-45 macht nur etwa 1 % der gesamten Gitarrenproduktion von Martin aus.

1975 D-45 Shaded Top

Zunächst die erste Gitarre, die „Shaded Top“. Wenn Sie diese als Referenz nehmen und vergleichen, können Sie die Farbunterschiede zwischen den einzelnen Exemplaren besser erkennen.Das Jahr 1974 gilt als das letzte Jahr, in dem eine Decke aus deutscher Fichte verwendet wurde; ab dem Modelljahr 1975 wird Sitka-Fichte eingesetzt. Martin verfügt über keine konkreten Aufzeichnungen bezüglich des Deckenholzes, und tatsächlich wurden bis zum Vorjahr neben deutscher Fichte auch verschiedene andere Fichtenarten verwendet, wobei es offenbar auch in den Jahren davor und danach zu Unregelmäßigkeiten kam. Die Produktionszahl der D-45 aus dem Jahr 1975 beträgt 192 Stück.

1976 D-45 Shaded Top

Die „Shaded Top“ zeichnet sich dadurch aus, dass sie unter den hier vorgestellten acht Exemplaren die stärksten Rottöne aufweist. Sowohl in Richtung Hals als auch in Richtung Endpin ist die Farbverläufe hervorragend ausbalanciert, und die relativen Farbtöne sind wirklich wunderschön – man kann buchstäblich nicht den Blick abwenden.
Wenn man an das Jahr 1976 bei Martin denkt, kommen vielen wohl sofort die D-76-Modelle zum 200-jährigen Jubiläum der Gründung der Vereinigten Staaten in den Sinn. In dieser Zeit, in der nicht nur Martin, sondern die gesamte Musikbranche dank der Blüte verschiedener Musikbewegungen in Hochstimmung war, wurden natürlich auch die „Shaded Top“-Modelle hergestellt. Im Jahr 1976 lag die Jahresproduktion der D-45 mit 256 Exemplaren erstmals über 200 Stück.Wie viele Exemplare des „Shaded Top“ wurden wohl hergestellt? Nebenbei bemerkt: Im folgenden Jahr 1977 gab es einen Streik, sodass die Produktionszahl der D-45 auf nur 76 Stück sank.

1979 D-45 Shaded Top 1/2

Hier lassen sich zwei „Shaded Top“-Modelle desselben Baujahres vergleichen, die kontrastierende Farbtöne aufweisen. Durch die für lackierte Instrumente typische Alterung hat das eine Modell eine dunkle, edle Optik mit kräftigen Farbtönen an den Rändern.Das andere weist unter den acht Exemplaren die stärkste Verblassung auf und hat die hellste Farbgebung. Dieses helle, poppige Erscheinungsbild ist in gewisser Weise so ausgeprägt, dass es das Bild der „Shaded Top“ fast auf den Kopf stellt. Diese je nach Nutzungs- und Lagerbedingungen wechselnde Optik ist einer der Reize von Vintage-Instrumenten. Es lässt sich nicht sagen, welches besser ist – das ist Geschmackssache –, aber es ist selten, dass man zwei „Shaded Top“-D-45 aus demselben Baujahr direkt miteinander vergleichen kann.
Das Jahr 1979 markiert genau diese Übergangsphase. Die „Shaded Top“-Gitarre mit dem intensiven Farbton ist mit den später verwendeten Schaller-Mechaniken ausgestattet, während die helle „Shaded Top“-Gitarre noch die Grover-Mechaniken aus dem letzten Produktionsjahr trägt.

1979 D-45 Shaded Top 2/2

Im Jahr 1979 wurde mit 291 Exemplaren die höchste Jahresproduktionszahl der D-45 aller Zeiten erreicht. Übrigens kam es im Vorjahr 1978 bei Martin zu einem Streik. Auch aufgrund dieser Auswirkungen belief sich die Produktionszahl der D-45 aus dem Jahr 1978 auf lediglich 40 Exemplare.Man kann vermuten, dass 1979 zufällig noch Holzvorräte aus dem Vorjahr vorhanden waren, die zuvor nicht verwendet werden konnten. Man hätte annehmen können, dass sich die Produktionszahlen danach stabilisieren würden, doch drei Jahre später, im Jahr 1982, betrug die Stückzahl nur 45. Es war eine Zeit, in der sich alles verkaufte, was produziert wurde. Die Anforderungen an die Holzauswahl waren nach wie vor hoch, und Kompromisse einzugehen, um die Produktionszahlen zu steigern, stand für Martin nicht zur Debatte. Auch wenn es sich um die höchste Produktionszahl aller Zeiten handelt, waren es weltweit nur 291 Exemplare, was die unveränderte Seltenheit dieser Modelle verdeutlicht.

1983 D-45 150TH Shaded Top

Alle Gitarren, die in diesem Jahr zum 150-jährigen Jubiläum von Martin hergestellt wurden, tragen eine Brandmarke. Die von Martin entworfenen Jubiläumsmodelle sind mit einem quadratischen Etikett versehen, während die auf Kundenwunsch gefertigten Instrumente ein ovales Etikett tragen. Wie auf dem Foto zu sehen ist, handelt es sich um ein ovales Etikett für ein auf Kundenwunsch gefertigtes Instrument. Die atemberaubende Einlegearbeit ziert den Kopf, das Griffbrett, das Schlagbrett, den Steg und sogar die Halsfußkappe in einer Fülle, die kaum zu übertreffen ist. Ein wahrer Luxusartikel.
Das „Shaded Top“ kommt durch das Zusammenspiel mit diesen Einlegearbeiten besonders gut zur Geltung. Die Farbnuancen an den Rändern sind kräftig und die dreifarbige Farbgebung ist exquisit.Die Maserung und Textur von Zargen und Boden passen wie aus dem Ei gepellt zum „Shaded Top“ und den Einlagen und verleihen dem Instrument einen noch edleren Charakter. Es ist zwar nicht bekannt, wer damals unter welchen Umständen diese Spezifikationen in Auftrag gegeben hat, doch diese Ausführung ist schlichtweg Kunst und zeugt von großartigem Geschmack. Die grundlegenden Spezifikationen entsprechen denen der 1970er Jahre, allerdings ist das Instrument mit Schaller-Mechaniken ausgestattet. Von der D-45 aus dem Jahr 1983 wurden 74 Exemplare hergestellt.

D-28

Die D-28 kam erstmals 1931 auf den Markt. Auf der Grundlage einer Gitarre, die damals als Auftragsarbeit für die Firma Dittson gefertigt wurde, entstanden zwei Prototypen: die D-1 mit Mahagonikorpus und die D-2 mit Palisanderkorpus. Daraus entwickelten sich später die Modelle D-18 und D-28.

Seit ihrer Entstehung bis heute hat die D-28 zahlreiche Designänderungen erfahren. 1944 wurde die Verstrebung von der Scalloped- auf die Standard-Ausführung umgestellt. 1946 wechselte die Griffbrett-Einlage von geschlitzten Rauten zu Punkten.Im Jahr 1947 wechselte man von Herringbone- zu Streifenmuster. Auch die Intarsien auf der Rückseite wurden von Zickzack- zu Blockmustern geändert. Danach gab es noch weitere Änderungen bei den Schlagbrettern und Stegen, doch am bekanntesten ist wohl der Wechsel von Jacaranda zu Palisander im Jahr 1969.

1953 D-28 Shaded Top

Wenn man die acht Modelle hier vergleicht, ist diese „Shaded Top“ diejenige, die den deutlichsten Eindruck hinterlässt. Die Einfassung ist klar als schwarz erkennbar, und die Breite der „Shaded Top“ ist relativ groß.Während Vintage-Martin-Sammler einhellig nach D-28-Modellen mit Herringbone-Verzierung aus der Zeit vor 1944 suchen, wird unter Vintage-Martin-Spielern oft die Meinung geäußert: „Die D-28 aus den 1950er Jahren ist die beste.“Dies fällt mit einer symbolträchtigen Ära zusammen, in der Amerika am dynamischsten war, und es handelt sich in der Tat um eine Gitarre, die sowohl hinsichtlich des Materials als auch der Qualität hoch geschätzt wird. Sie verfügt über eine Long-Saddle-Ausführung mit Kluson-Mechaniken mit Abdeckungen, sowie Boden und Zargen aus Rosengeholz mit wunderschöner Maserung. Eine D-28 von höchster Qualität, die sich völlig von den modernen Modellen unterscheidet – und dazu noch eine mit „Shaded Top“. Es ist unwahrscheinlich, dass man so etwas noch einmal zu Gesicht bekommt. Von der D-28 des Baujahres 1953 wurden 675 Exemplare hergestellt.

D-35

Die 1965 auf den Markt gebrachte D-35 zeichnet sich vor allem durch ihre dreiteilige Korpusrückseite aus. Drei Rosenholzplatten wurden mit Ahorn- und Rosenholz in drei feine Schichten zusammengefügt und verleimt. Das Ergebnis ist eine Verarbeitung, die sowohl dekorative Qualität als auch Festigkeit vereint.Die dreiteilige Konstruktion war zwar vor dem Hintergrund des Krieges und der Ressourcenknappheit als Idee zur Einsparung von Jacaranda-Holz entstanden, doch in Verbindung mit Änderungen am Verstrebungsmaterial erzeugte die D-35 einen Klang, der sich vom bisherigen Standard der D-28 unterschied, und gewann so eine neue Fangemeinde.

Der weiche Klang passte gut zum Folk-Boom, und in den 1970er Jahren war die D-35 in Japan sehr beliebt und wurde häufig von professionellen Musikern gespielt.

1975 D-35 Shaded Top

Ein Exemplar, bei dem die Farbe der Einfassung zwar noch deutlich kräftig erhalten ist, die Breite des „Shaded Top“ jedoch etwas schmaler wirkt. Es handelt sich um einen Unterschied im Aussehen, den man erst bemerkt, wenn man mehrere Exemplare nebeneinander betrachtet. Die Farbgebung bringt den prächtigen Eindruck des originalen „Shaded Top“ gut zur Geltung.
Die Wiedergabe der hohen Mitten ist angenehm, und beim Arpeggio-Spiel wird man davon überzeugt, dass es sich wahrlich um eine D-35 handelt. Der für diese Ära typische, kräftige und kernige Klang vermittelt ein Gefühl von Lautstärke, ist dabei jedoch von guter Qualität; der Gesamteindruck ist feinfühlig und die Balance hervorragend. Je nach Gefühl des Spielers meistert sie alles von dynamischen Darbietungen bis hin zur dezenten Begleitung ruhiger Melodien. Ein Instrument, mit dem man den Gipfel des Luxus erleben kann. Die Produktionszahl der D-35 aus dem Jahr 1975 belief sich auf beeindruckende 6260 Stück.

D-18

Die D-18 ist eine Gitarre, die 1931 zusammen mit der D-28 auf den Markt kam. Während die D-28 eine ausgewogene Gitarre für das Akkordspiel mit kraftvollen mittleren und tiefen Frequenzen ist, zeichnet sich die D-18 durch feine und brillante Höhen aus. Eine gut eingespielte D-18 lässt viele Profimusiker sagen: „Wenn man sich für eine Martin entscheidet, kommt man an der D-18 nicht vorbei.“


Unter den Musikern, die die D-18 spielten, ist der damals gerade debütierende Elvis Presley besonders berühmt. Auch Eric Clapton, der zwar eher mit der Triple-O assoziiert wird, soll bei Aufnahmen die D-18 häufig verwendet haben, da ihm deren Mikrofonabnahme gefiel. Der Klang, den man von der CD kennt, stammt tatsächlich von der D-18.

1975 D-18 Shaded Top

Die „Shaded Top“-Optik ähnelt zwar der zuvor erwähnten D-35, doch die Farbnuance am Rand ist hier etwas blasser und weist einen leichten Rotstich auf. Auch die Farbpalette ist etwas schmaler. Zufälligerweise sind Seiten und Boden aus Mahagoni, was meiner Meinung nach gut zu dieser etwas helleren Farbgebung passt. Einschließlich des Palisanders für Steg und Griffbrett hat die Gesamtfarbgebung eine ganz andere Ausstrahlung als bei anderen „Shaded Top“-Modellen.
Die durch Alterung entstandenen Weather-Check-Muster auf der Decke sind moderat und bilden eine exquisite Balance zum „Shaded Top“. Die Produktionszahl der D-18 aus dem Jahr 1975 belief sich auf 3069 Stück, was etwa der Hälfte der D-35 entspricht.

Zum Schluss

Obwohl Martin und Gibson Konkurrenten sind, kann man davon ausgehen, dass sie sich nur dank ihres Wettbewerbsgeistes, einander einzuholen und zu übertreffen, gemeinsam weiterentwickelt haben. In der Zeit, als sich die Flat-Top-Gitarren von Martin weltweit zu verbreiten begannen, fügte Gibson 1941 seiner eigenen Flat-Top-Gitarre J-35 die Option „Natural“ hinzu, und auch Martin hatte bereits 1935 die Option „Shaded Top“ für die D-28 in sein Angebot aufgenommen.


Gibsons „Sunburst“ steht für „Sonnenschein“, während Martins „Shaded Top“ für „Schatten“ steht. Dass die Namen zufällig genau diese Beziehung zueinander widerspiegeln, war vielleicht Schicksal.

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